Gelbwestenvortrag von Sebastian Chwala im CoWorking Space Schiller 40

Inhaltlicher Bericht zur Veranstaltung: Es verwundert es nicht, dass hohe Motivationen innerhalb französischer Regierungs- und Lobbyistenkreise bestehen, die Aufbegehrenden kriminalisieren zu wollen. Neben Prozessen im Schnellverfahren mit absurd hohen verhängten Strafen, erwartet die Menschen, die samstags auf die Straße gehen, ein enthemmter Polizeiapparat, dem kein Grad der körperlichen Gewaltanwendung zu extrem ist. Dass noch kein Todesopfer zu beklagen ist grenzt an ein Wunder. Diese Erleichterung schwindet jedoch schnell, bedenkt man, wie viele Protestierende bereits schwer verletzt, erniedrigt, in ihren Rechten beschnitten aus den Protesten hervor gingen. Verstümmelte Gliedmaßen oder auch der Verlust eines Auges – das nimmt man nicht in Kauf für einen rein richtungspolitisch motivierten Protest. Und trotz der Gewissheit, auf noch härtere Repressalien zu stoßen als bisher, flaut der Protest nicht ab. Im Gegenteil: je schlimmer und extremer die von der Regierung und Präfekturen angedrohten Konsequenzen, desto größer die Menschenmasse, die samstags auf die Straße geht. So brachte die Überlegung, das Militär zur Zerschlagung der Demonstrationen einzusetzen am darauf folgenden Samstag nur noch mehr Menschen dazu, das Haus zu verlassen. Die Strategie, die Gelbwesten durch Angst und Gewalt zurückzudrängen geht nicht auf. Die Versuche, die Gelbwestenbewegung Frankreichs mit einer bestimmten politischen Ausrichtung zu demaskieren, ebben derweil nicht ab. Scheinbar ist es unbegreiflich, dass hier weder Rechte, noch Linke noch die Mitte die Fäden in der Hand halten. Von allem ist etwas dabei, denn der Widerstand wuchs aus der breiten, unkonfektionierten Gesellschaft heraus – diese Bewegung ist mehr als Widerstand unter der Flagge einer politischen Richtung, einer Gewerkschaft oder auch einer bloßen Macron-Opposition. Es ist der klassische Kampf Unten gegen Oben, wobei das „Unten“ bei Macrons – nennen wir es hier ebenfalls verharmlosend Reformpolitik, bereits in der Mittelschicht anzusiedeln ist. Während in Deutschland Agenda 2010, zunehmende Privatisierung staatlicher Versorgungsstrukturen und das Anheizen des omnipräsenten, wirtschaftlichen Wettbewerbs zu Gunsten weniger sehr Reicher und zu Lasten sehr vieler nicht reicher Menschen nahezu Widerstandslos hingenommen wurde, treiben verdächtig ähnliche Pläne eines wahrhaftig überprivilegierten Emmanuel Macrons seit zweiundzwanzig Wochen hunderttausend Menschen auf die Straße. Diese Tatsache ist nicht nur beachtlich, sondern fordert mit Nachdruck ein Überdenken vertrauter Machtstrukturen.

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